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News-Archiv

Wie man die Podiumbühne in ein Irrenhaus verwandelt

13.06.2019

Wenn Inspektor Voß (Jonas Hofmann) innerhalb kürzester Zeit zweitmalig die Irrenanstalt – nein, das Sanatorium – „Les Cerisiers“ betritt, um einen Mord an einer Krankenschwester durch einen Patienten aufzuklären und am selbigen Tage nochmals wegen ebendiesen sich wiederholenden Umständen im genannten Hospital erscheinen muss, dann stellt sich natürlich die Frage, was eigentlich schiefläuft in dieser seltsamen Einrichtung. So richtig will sich das Rätsel einfach nicht lösen lassen, was aber auch kein Wunder sein dürfte, wenn einfach jeder in diesem Haus etwas anderes erzählt:

Da wäre vordergründig natürlich die Irrenärztin Mathilde von Zahnd (Ulrike Pabst) zu nennen, die, wenn sie nicht gerade mit einem ihrer Patienten ein Musikstück zum Besten gibt, schützend die Hände über ihre Kranken hält und selbstgerecht antwortet, sie bestimme, für wen ihre Patienten sich hielten. Auch Herbert G. Beutler, der sich als Sir Isaac Newton (Maximilian Greiner), später aber auch als Albert Einstein bezeichnet, verwirrt den Kriminalinspektor umso mehr, ebenso wie der eigentliche Mörder – nein, Täter – Ernst H. Ernesti (Niklas Popp), der ebenfalls glaubt, Einstein zu sein, aber scheinbar lieber Geige spielt, als den Ermittlern seine Motive zu gestehen. Voß kapituliert vor den Mordfällen und passt sich lieber den Gegebenheiten an: Er hat es mit Unzurechnungsfähigen zu tun, die rauchen, trinken und erzählen, was sie gerade wollen. Auch der dritte Physiker im Bunde, Johann W. Möbius (Vicas Warweg), erscheint in seinem Verhalten rätselhaft undurchsichtig – noch ein verrücktes Genie, dessen Forschungsarbeit alle Beteiligten heimlich mehr interessiert als seine Wahnvorstellungen von König Salomo oder sein Mord an der Krankenschwester Monika (Lucy Meyer).

So erhält die Komödie von Friedrich Dürrenmatt am Schluss ihren tragischen Anteil, wenn es um die Ambivalenz von Verantwortung für die eigenen wissenschaftlichen Erkenntnisse und den potenziell hierauszuschlagenden Profit geht. Sollte man die Menschheit lieber vor sich selbst schützen, die eigenen Forschungen verbergen und sich unter falschem Vorwand in ein Irrenhaus einliefern lassen, unter dessen Dach man innerhalb seiner Grenzen frei sein kann? Oder muss neues Wissen zwangsweise hinaus in die Welt, unter die Menschen, um ihnen bei Selbstzerstörung und Geldgier zuzusehen?

Wer die Darbietung der Theatergruppe der „Goetheschule“ Ilmenau nicht mit eigenen Augen gesehen hat, kann unmöglich wissen, mit welchem erstklassigen schauspielerischen Können die Akteure hier glänzen und absolut überzeugen. Man könnte meinen, Dürrenmatt hätte die Rolle der Irrenärztin Mathilde von Zahnd nicht auf die damalige Mutter-Courage-Darstellerin Therese Giese, sondern tatsächlich auf Ulrike Pabst angepasst, die neben besonders charakteristischen sprachlichen Akzentuierungen bucklig-verschroben über die Bühne wackelte und heimlich die erste Geige spielte. Maximilian Greiner, der mittlerweile fast Kult-Status erreicht hat, braucht nur die Bühne zu betreten (oder in diesem Falle mit dem Roller zu befahren) – und schon weilen Lacher, Sympathie und sämtliche Blicke auf seiner Seite. Vicas Warweg mimte den genialsten Physiker der Welt fast schon beängstigend ernsthaft, verschmolz förmlich mit seiner Rolle und zog das Publikum in seinen Bann. Gespannt verfolgen die Wiederholungstäter im Kreise der Zuschauer natürlich die Entwicklung der einzelnen Darsteller innerhalb der letzten Schauspieljahre: So mauserte sich beispielsweise Jonas Hofmann von seiner letztjährigen Nebenrolle eines Poststellenleiters zum souverän gespielten Inspektor durch fulminanten verbalen Schlagabtausch mit Marie Wiegand, die als dominante Oberschwester Marta Boll auftrat. Auch die zittrige, weinerlich-verzweifelte ehemalige Frau Möbius wurde von Hanna Oberhoffner, deren Darbietung sich ebenfalls von Jahr zu Jahr steigert, hervorragend gespielt. Ebenso bereichern die neuen, jüngeren Gesichter aus Klasse 9 die Theatergruppe erheblich: Von euch werden wir noch sehr viel zu sehen bekommen!

Mit einem solchen Schauspielteam, vielen allzeit verlässlichen Hintergrundakteuren für Organisationsaufwand wie Tontechnik und Beleuchtung sowie der unnachahmlichen, perfektionistischen Leitung von Birgit Reichwage und Christiane Richter verwundert es nicht, dass der Theatergruppe der Goetheschule Ilmenau abermals eine derart brillante Aufführung wie die am 13.06.2019 gelungen ist und am darauffolgenden Tag sowie auch im nächsten Jahr wieder glücken wird.

Langer, tosender Applaus einer gut gefüllten Podiumsbühne am Ende der Vorstellung steht für Folgendes:
Ihr habt es nicht vergeigt! Im Ge(i)genteil: „Was einmal gedacht ist, kann nicht zurückgenommen werden.“ – Was einmal von euch gespielt wurde, bleibt nachhaltig im Gedächtnis. Danke an euch!

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